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Pressefrühstück, 9. Januar 2006

Nach dem überraschenden Wechsel im Finanzresort hinterfragt die Rzeczpospolita die Strategie der Regierung und im Hause Springer hat am Wochenende niemand geschlafen. Zycie Warszawy wertet Angela Merkels Interview im Spiegel aus, die Rzeczpospolita hat den Artikel auch gefunden und die Gazeta Wyborcza berichtet von einer seltsamen Allianz zwischen der liberalen Opposition und der katholischen Kirche.

Bekehrte Liberale

„Kaczyński bekehrt Gilowska“ ruft die konservative Rzeczpospolita in die Morgenröte des ersten Arbeitstages von Zyta Gilowska. Noch immer rätseln Beobachter, warum die ehemals liberale Politikerin in die mit eher sozialpopulistischen Thesen an die Macht gekommene PiS-Regierung wechselt. Nicht minder spannend ist, was das Dreiergespann Kaczyński-Kaczyński-Marcinkiewicz mit der noch vor kurzem verfeindeten Dame anzustellen gedenkt. „Nimmt PiS der PO weitere Politiker ab?“ fragt das Blatt und konkretisiert damit eine seit Tagen gehegte Vermutung: Eine Koalition von PiS und PO scheint in immer weitere Ferne zu rücken.

Das Springer-Magazin Newsweek hat nach ersten Gerüchten am Freitag übers Wochenende das Titelblatt der heute erschienenen Ausgabe umgebaut. Vom Cover der Wochenzeitschrift zweifelt nun schon die Gilowska – Newsweek darf „Erster!“ rufen und in die bekannte Kerbe hauen: „Ist die liberale Vizepremierin das Ende der sozialen Politik der Regierung?“ Die Gilowska selbst gibt sich allerdings tatsächlich bekehrt und erklärt wiederholt: „Das größte Problem in Polen ist die hohe Arbeitslosigkeit“. Die Märkte freuen sich trotzdem über den Wechsel - „Gilowska … wird die antiliberalen Neigungen der Regierungspartei ausgleichen“, schreibt die Rzeczpospolita im Wirtschaftsteil.

Berlin und Warschau fürchten sich gemeinsam

„Berlin hat auch Angst vor einer Gasblockade“, schreibt Zycie Warszawy auf den Frühstückstisch. „Unerwartet deutlich“ habe Angela Merkel die polnische Forderung nach einer neuen europäischen Energiepolitik gegenüber Russland unterstützt. „Die Union braucht eine gemeinsame Energiepolitik“ soll Merkel im Interview mit dem Spiegel gesagt haben und Zycie hat’s gehört. „Die ukrainische Lektion“ hat gezeigt, dass es ohne Solidarität nicht geht, sagte zur Bestätigung der ehemalige polnische Außenminister Dariusz Rosati dem Blatt.

„Partner, nicht Freunde“ überschreibt die Rzeczpospolita einen Artikel zum selben Thema. Für den früheren Kanzler war Putin ein persönlicher Freund, Angela Merkel „benutzt völlig andere Worte“. Ausdrücklich freut sich das Blatt über eine im Spiegel veröffentlichte Umfrage. Danach ist Putin für 74% der Deutschen kein Demokrat. Hat Polen ja schon immer gesagt.

Geistliche Integration

Von einer seltsamen heiligen Allianz schreibt die Gazeta Wyborcza auf ihrer Titelseite. Donald Tusk und Jan Rokita, die Chefs der Platforma Obywatelska, haben in Krakau den ehemaligen persönlichen Sekretär von Papst Johannes Paul II. und jetzigen Erzbischof getroffen. Zur Schlagzeile wird die Meldung allerdings erst durch einen parallelen Besuch von PiS-Chef Jarosław Kaczyński in der Redaktion von Radio Maryja – und dadurch, dass diese Besuche längst zur Gewohnheit geworden sind. Der radikal katholische Sender des Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk, der hin und wieder (beispielsweise durch offenen Antisemitismus) über die Stränge schlägt und sich längst zur politischen Kraft aufgeschwungen hat, ist nämlich der polnischen Kirche seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Ganz zu schweigen von Tusk und Rokita, die mit Fug und Recht, zumindest teilweise, ihre Niederlagen in Parlaments- und Präsidentschaftswahlen auf Rydzyk und sein Radio Maryja schieben: „Ein großer Teil der Kirche unterstützt heute offen PiS“, sagte Tusk am Wochenende, „Das ist ein Ergebnis des politischen Terrors von Pater Rydzyk.“

Der soll ein Ende haben und darum waren gleich hundert Abgeordnete der PO nach Krakau gereist – um sich „geistlich zu integrieren“, wie es ein Abgeordneter fasste. „Noch nie waren so viele Vertreter einer einzigen politischen Gruppierung in diesem Haus“, wunderte sich Erzbischof Dziwisz, was Rydzyk freilich über die Vertreter der PiS-Regierung auch sagen kann. Das freimütige und rational betrachtet (was man freilich nicht tun sollte) ziemlich abstruse Bekenntnis der PO zum „guten“ Katholizismus wirkt ein bisschen wie die Retourkutsche für den Raub der Gilowska. Fragt sich nur, was wem mehr weh tut. Siehe oben.

2 Kommentare auf “Pressefrühstück, 9. Januar 2006”

    unionsbuerger schrieb:

    Das braune Polen ist die neue Schande Europas. Die Charta der Grundrechten ist für die neuen Denkbarbaren aus dem Osten geschrieben worden.

    Richard Puhl schrieb:

    Ich würde nicht vom “braunen Polen” sprechen wollen. Die Menschen verstehen und begreifen evtl. noch nicht so recht was diese Regierung anrichten kann wenn der eingeschlagene Weg so weiter gegangen wird. Sie unterschätzen denke ich einfach die Dummheiten Ihrer Regierung und bei einer ungeordneten und ziemlich leisen Opposition ist das auch wohl nicht allzu schwer. Aber das ist glaube ich in Deutschland auch schon einmal geschehen, wenn ich mich recht erinnere, oder?
    Von daher ist der Grundsatz wohl richtig: Wehret den Anfängen!”
    Aber ich würde nicht vom “braunen Polen” reden, damit tut man den Millionen von anständigen Leuten in diesem Land unrecht.

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